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Offen für das Unbekannte

Der Regisseur David Fincher („Sieben“, „The Game“, „Fight Club“ u.a.), antwortete in einem Interview auf die Frage, wovor sich die Menschen heute fürchten, nachdem sie sich in den 50er Jahren vor den Russen und in den 80er Jahren vor der Umweltzerstörung fürchteten: „Ich glaube, heute haben die Leute Angst davor, was als nächstes passiert.“ Und weiter: „Die Angst, die Kontrolle über das Althergebrachte zu verlieren…. die Idee, alles unter Kontrolle zu haben, ist schon immer falsch gewesen. Man kann keine Kontrolle über das Leben haben. Wir wollen es immer, und sei es nur für eine kurze Zeit, aber in Wirklichkeit können wir mit dem Leben kein Stillhalteabkommen schließen. Wir müssen ständig auf Veränderungen gefasst sein und uns selbst verändern können. Ich mache zum Beispiel einen Film, von dem ich gerade meine, dass er in die Zeit passt, aber ein Jahr später, wenn der Film herauskommt, kann das schon ganz anders sein. Alles ist ein Risiko. Aber warum auch nicht?“

Das „Phänomen Nostradamus“, des Unheil-Propheten, der vor 500 Jahren schon die Menschen hypnotisierte, in einer Zeit des Umbruchs, in dem die Gewissheiten des Mittelalters ins Schwanken gerieten und sich langsam Wissenschaft und aufgeklärtes Denken Bahn brachen. Das Jahrhundert von Luther, Michelangelo, den Fuggern. Und…. gestern wie heute scheint den Menschen nichts unerträglicher als die Ungewissheit. Lieber sehenden Auges in die Katastrophe als blind ins Unbekannte.

Peter Lau, Brand Eins 08/05: „Denn während die Welt dank Airbags und Metalldetektoren angeblich immer sicherer wird, wird die Unsicherheit immer größer: Was kann alles passieren! Also muss alles genau geplant werden, nichts darf dem Zufall überlassen werden. Denn Dr. Zufall hat einen ganz schlechten Ruf: Wenn ihm etwas gelingt, liegt es bloß am Glück – und Dr. Glück hat einen noch viel schlechteren Ruf!“ Der Musiker Brian Eno scheint mehr Vertrauen in den Zufall zu haben als die meisten Menschen – vermutlich weil er viel mit dem Zufall zu tun hat. Eno entwickelte bereits in den siebziger Jahren das Prinzip der Oblique Strategies (schräge Strategien), anfangs eine Sammlung von Karten, auf denen Anweisungen standen wie „Tauscht die Instrumente“ und die willkürlich gezogen wurden. Er setzte das System erstmals für die Produktion seines Albums „Before and After Science“ ein und blieb dabei, als er in den folgenden Jahren ein gefragter Produzent wurde, der unter anderem die Karriere von David Bowie, U2 und den Talking Heads erheblich voranbrachte. Heute, sagt Eno, habe er die Oblique Strategies verinnerlicht, und ich ahne seine Gründe:

Natürlich sorgt der Zufall nicht dafür, dass alles kommt, wie man es sich vorstellt, aber er kann zu Lösungen führen, an die man nie gedacht hätte, denn: Was sinnvoll ist, ist nicht zwangsläufig vernünftig. Außerdem kann er eine Offenheit erzeugen, die es ermöglicht, Dinge vorurteilsfrei zu betrachten – Überraschungen klären den Blick. Aber vor allem kann er uns daran erinnern, wozu wir fähig sind“.

 

Vielleicht haben wir so viel Angst vor Veränderung, weil wir so wenig Vertrauen in unsere Lernfähigkeit haben. Die Menschen, die am meisten zu unserer Gesellschaft beigetragen haben, sind diejenigen, denen lebenslanges Lernen eine Selbstverständlichkeit ist und die erfolgreich darin sind. Wenn wir dieser Fähigkeit vertrauen, dann wird Ungewißheit ein Teil von allem, was wir machen, so wie eine leere Leinwand für einen Maler am Anfang steht, oder so wie Stille für einen Musiker die Pause ist, in der die Musik geboren wird. Wir können lernen, Ungewißheit effektiver zu nutzen. Was beispielsweise, wenn wir weniger sicher wüßten, wie unmöglich manche Dinge sind? Und wenn wir aufhören würden, Veränderung zu kontrollieren, und uns statt dessen darauf konzentrieren, das zu verändern, was uns vom Erreichen unser vollen Kapazität als menschliche Wesen abhält? [Andy Byrner / Dawna Markova in „Die lernende Intelligenz“, Junfermann – Verlag Paderborn].

Margaret Wheatley (Leadership and the new Science) führt weiter in diesem  Buch  aus: “Wir müssen uns überlegen, wie wir das Chaos zu unserem Partner machen können. Um eine starke Kernidentität oder ein starkes Zentrum entwickeln zu können, muß eine Organisation die Fähigkeit entwickeln, sich selbst ständig auf den neuesten Stand zu bringen, verbunden und in Verbindung zu bleiben, Beziehungen zu entwickeln, nötige Informationen zu finden und zu wissen, wie diese Informationen zu interpretieren sind. Ein wesentlich größerer Teil unserer Aufmerksamkeit muss sich darauf richten, wie wir miteinander arbeiten und inwieweit wir füreinander das sind.“

Wieder Byner und Markova: „Wir haben den ruppigen Individualismus und die Logik des Konkurrenzdenkens gemeistert, die wir zum Überleben einst brauchten. Heute sind wir gezwungen, zueinander zu finden und uns mit Hilfe einer völlig anderen Art von Logik zu orientieren. Unseren Kurs im Unbekannten zu finden ist etwas anderes als Spitzenreiter bei allem zu sein.  Um unseren Kurs zu finden, müssen wir gewillt sein, alte Meinungen, Überzeugungen und Annahmen über Sein und Möglichkeiten loszulassen, müssen wir bereit sein, neu zu schauen, zuzuhören und hinzufühlen, müssen wir uns auf die Möglichkeiten, die in der Gegenwart als unerwartete neue Qualität entstehen, einstimmen. Das Leben in Ungewißheit ruft danach, daß wir inmitten aller Turbulenzen mit ganzem Hirn, Herz und Körper gegenwärtig sind.  Die meisten Menschen, die auf Furcht oder Verwirrung treffen, verschließen gewohnheitsmäßig ihren Geist und warten, bis sie eine richtige Antwort oder die einzig beste Aktion gefunden haben. Wir haben gelernt,  uns angesichts des Wirrwarrs vieler Möglichkeiten so unwohl zu fühlen, dass wir versuchen, so schnell wie möglich so viele Möglichkeiten wie möglich auszumerzen. Aber wir sind nicht unsere Gewohnheiten. Unserem wahren Wesen nach sind wir Menschen bemerkenswert flexibel und geschickt. Wie kann man, außer mit Kontrolle, Kampf oder Flucht, mit Furcht und Verwirrung umgehen?“

Das Kunstwort „Dynaxität“ benutzt der Psychologe Peter Pächnatz und kennzeichnet damit die Wechselwirkungen von zunehmender Dynamik und steigender Komplexität bei wachsendem Risiko von Fehlentscheidungen.  Hohe Geschwindigkeit und enorme Vielschichtigkeit prägen unseren beruflichen Alltag. Das heisst, es gibt sehr viele Möglichkeiten, etwas zu tun – und das verändert sich ständig, Pächnatz: „Sie fahren mit einem Porsche konstant mit Tempo 240 auf der Autobahn. Ihre Möglichkeiten, eine Ausfahrt zu wählen, ändern sich ständig, aber Ihr Zeitfenster, die richtige Ausfahrt zu finden, ist extrem klein. Sie müssen also in Sekundenbruchteilen die Situation richtig erfassen, denn eine falsche Entscheidung ist nur mit hohem Aufwand zu korrigieren. „ Frage: „Bin ich denn gezwungen, Tempo 240 zu fahren?“ Antwort: „Ja, weil andere das auch können und tun. Sie stellen fest, das Ihre Wettbewerber auch mit 230, 240 oder sogar 250 Stundenkilometern unterwegs sind. Geschwindigkeit bedeutet Wettbewerbsvorteile. Mit Innovationen bekommen Sie aber nur einen kurzen Zeitvorsprung hin, denn Produkte und Dienstleistungen sind kopierbar. Wollen Sie erster im Markt bleiben, müssen Sie also ständig schneller werden. Und es kommt hinzu: Sie müssen gleichzeitig an vielen Fronten innovativ sein. Die Frage ist: Wie können Sie das koordinieren?“

Die meisten lassen sich von der Wildheit der Situation führen.  Einige Mutigere handeln frei nach dem Motto >Die Situation ist Dein Coach<. Fallen in hektisches, teils unkoordiniertes Arbeiten. Tun etwas um des Tuns willens. Blinder Aktionismus führt zu halbfertigen Produkten oder Dienstleistungen von übler Qualität und von keinem Nutzen, die einfach auf den Markt geballert werden.

Lernen, immer mehr Spannungen auszuhalten. Vorsprung durch Hektik gibt es nicht, Aktion bedeutet keineswegs Handlungsfähigkeit.

Bei anderen ist es genau das Gegenteil. Versenken sich in Meditation und warten auf die göttliche Eingebung.

Was benötigt wird, ist ein Handeln, das die Situation klar erkennt ohne sich von ihr beherrschen zu lassen.

Im Seminar DER DURCHBRUCH. erreicht Ihr Organismus einen Zustand, der als ein Schweben im Unbekannten bezeichnet werden kann, das Los lassen vom Althergebrachten, dem Bündnis mit der Zukunft: Eine Kompetenz der effektiven Nutzung von Lösungsmöglichkeiten in die richtige Richtung.

Es entsteht der Beginner-Geist, der gekennzeichnet ist durch eine komplexe Offenheit: Alles ist möglich. "Denke nicht: Schau hin!" Doch um hinsehen zu können, muss ich mit dem Geist eines Anfängers beginnen, mit einem Geist, der noch keine vorgefassten Meinungen und Erwartungen hat. Der Geist des Anfängers sieht hin, um Neues zu entdecken, er sucht nicht nach Bestätigung von etwas, was er schon zu kennen meint. Wir müssen bereit sein, unsere Rüstung an Überzeugungen, Wissen, Tradition und sonstigem, woran wir aus Bequemlichkeit hängen, abzulegen.

Wenn unser inneres Geplapper nie abreißt, sind wir nicht in der Situation. Um wirklich da zu sein, muss der Geist sehr still und sehr entspannt sein, frei von Anhänglichkeiten und Sorgen. Aufhören mit dem Produzieren von Gedanken, was wiederum heißt, das eigene Ego zu vergessen. Frei von Angst und Gier und wenn der Geist, das Bedürfnis, etwas vorzustellen oder Eindruck zu machen, gar nicht mehr hat.

Erst dann haben wir das Bündnis mit dem Unbekannten vollendet und erst dann beginnt die kraftvolle Entwicklung unserer kreativen Potenzialität. Einer Energie, die schon immer da war.

„Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt“
[Dalai Lama]

 

Nachtrag: Auszug aus einem Interview in Focus 20/2008, Seite 174, mit dem Bestsellerautor Frank Schätzing ("Tod und Teufel", "Lautlos", "Der Schwarm"):

Frage: "Macht Ihnen beim Blick auf das große Ganze unsere Zukunft Angst?"
Schätzing: "Nee, überhaupt nicht, im Gegenteil. Das ist ohnehin etwas, was ich nicht verstehe: Die Angst vor der Zukunft wird in Deutschland nur noch von der Abscheu vor Kleinstwagen übertroffen. Zukunft gilt als bedrohlich, ein vorgefertigter Albtraum, auf den man hilflos zutrudelt und den man nicht beeinflussen kann. Alarmismus floriert. Mit dem Bammel vor dem Klimawandel lässt sich nun mal mehr Geld verdienen, als wenn man ihn relativiert, also ergeht man sich in rabenschwarzer Prognostik. Dabei ist die Frage nicht, welche Zukunft uns erwartet, sondern welche wir haben wollen. Eine gute? Okay, bauen wir sie. Hier und jetzt, jeder von uns. Nicht alles wird, aber vieles kann gelingen! Nur Verpisser und Jammerlappen haben damit ein Problem."

 

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