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"Die Leute sagen, sie hätten jeden Tag zu viel Stress.
Tatsächlich verfügen sie jeden Tag nicht über die richtige Energie.“

Von der Selbst-Beschleunigung unser Arbeits- und Lebensprozesse

Teil I: Einführung

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den nächsten Wochen und Monaten werde ich an dieser Stelle über das Thema KINETIK schreiben, von der Selbst-Beschleunigung unserer Arbeits- und Lebensprozesse. Ich stelle Ihnen Beobachtungen und Analysen unseres täglichen Lebens vor, aus Beruf und Privatleben. Ich zeige Ihnen, dass die neuartigen Stresse ein Zeichen unseres Angekommen-Seins in einer neuen Epoche des offenen Werdens sind. Und wie wir sie falsch negativ deuten, sie deshalb falsch als negativ deuten, weil wir mit der neuartigen Offenheit und Selbst-Beschleunigung der Zeit mental nicht richtig umgehen können. Wir definieren uns als Opfer einer Situation, die eigentlich ein evolutionärer Fortschritt ist.

Nicht Trost und Stress-Abschirmung sind gefragt, sondern der Aufbau eines neuen Vitalismus, das ist der Einstieg in Fulfilness.

Herzlich,

Ihr Volker Hennings

Erlangen, im Februar 2009

 

Am Boden, zerstört

„Die Angst zieht von unten den Rücken herauf, wie Kälte unter eine Jacke, kriecht hinauf zu den Schulterblättern und setzt sich in den Nacken. Beim ersten Mal hatte ich sie für Wut gehalten, was gut war, weil ich sie da noch abschütteln konnte, rauslaufen, rausstreiten, aber diesmal lag ich im Bett. Die Angst drückte auf meine Brust und würgte mich, und ich musste mich aufsetzen, um wieder etwas Luft zu bekommen. Aber das reichte nicht. Ich begann zu hecheln. Ich konnte nicht mehr einatmen. Etwas schnürte meine Brust ein, bis die Lunge sich anfühlte, als wäre sie versteinert – kalt und hart und tot. Meine Unterarme begannen zu kribbeln, und ich konnte meine Hände nicht mehr fühlen. Sie waren gelähmt, wie eingeschlafen. Mir war unendlich kalt. In diesem Moment hätte ich viel dafür gegeben, nur damit es aufhört, damit dass hier aufhört, was immer es war. Einen Augenblick lang überlegte ich, mich aus dem Fenster zu stürzen – nur um nicht mehr zu fühlen, was ich fühlte. Alles musste besser sein als das. Es war ein langer Augenblick, und irgendeine Ecke meines Gehirns blieb klar genug, mich selbst zu beobachten und zu sehen, wie armselig ich da kauerte, wie absurd und elend das alles war und wie losgelöst von mir und all dem, was ich für mich selbst hielt. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, ist, dass ich zusammengerollt auf dem Boden lag, unter meiner Bettdecker, mich am Boden festhielt.“

Das war meine erste vollwertige Panikattacke. Sie war weder der Anfang noch der Höhepunkt meines Lebens. Sie war nur eine ganz normale Panikattacke, eine von vielen, und nur aus zwei Gründen bemerkenswert: sie war die Hölle und sie hat mir gezeigt, dass etwas ernsthaft nicht in Ordnung ist.

[Aus „Neon“, August 2008, Michaelis Pantalouris]

Angststörungen, Depressionen, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Magengeschwür und das Pfeifen im Ohr: Je nach Tabelle gibt es mehr als 130 Symptome, die Anzeichen für einen Burn-Out sind, aber eine offizielle Krankheit ist das Burn-Out-Syndrom selbst nicht, nur ein Sammelbegriff für die 130 einzelnen, die alle dieselbe Ursache haben: Stress.

Stress ist eine Ratte. Er versteckt sich, tarnt und täuscht. Rein körperlich ist Stress Angst. Die Ausschüttung von Hormonen, die Anspannung, die Aufregung, alles Angst. Das muss nichts Schlechtes sein, wenn man verliebt ist, sind die körperlichen Abläufe sehr ähnlich, auch dabei können wir nicht schlafen und nicht essen und sind nervös, aber während wir verliebt entweder Erfüllung finden oder unser Unglück kennen, nagt der Stress mit seinen Rattenzähnen Stückchen für Stückchen und lässt uns nicht merken, wie alles in die falsche Richtung geht.

 

Dirk K., 41 Jahre, Personalreferent bei einer norddeutschen Versicherung:

Wie in letzter Zeit sehr oft, wachte ich mitten in der Nacht auf. Meine „Fälle“ hatten mich mal wieder eingeholt und geweckt.

Bei permanenten 60 Stunden-Wochen, die auch noch unter sehr großem Druck stattfinden, kommen sie dann in der Nacht, die schwarzen Stunden. Die Gedanken sind dann irreal und nicht steuerbar. Sie verselbständigen sich. Die aus Zeitdruck notwendigen schnellen Entscheidungen holen mich dann ein, wenn ich zur Ruhe komme. Ich schlafe vor Erschöpfung ein und wache dann auf, wenn mein Unterbewusstsein meine „Fälle“ hochspült.

Es sind diese zermürbenden Fragen:

- habe ich beim Abteilungsleitervertrag wirklich an Alles gedacht?
- habe ich bei Entscheidungen alle notwendigen Faktoren berücksichtigt?
- habe ich maßgebliche Informationen an die entsprechenden Stellen weitergegeben?
- habe ich Fragen unter Zeitdruck zu unüberlegt beantwortet?

Das geht soweit, dass ich mitten in der Nacht ins Büro fahren möchte, um unverzüglich die mich quälenden Fragen vor Ort zu klären. Ich baue gedanklich Fehlerquellen auf, die eigentlich völlig unrealistisch sind. Ich entwickle fiktive Szenarien, die bei „Fehlern“ Wirklichkeit werden könnten. Panik überfällt mich und ich kann nichts dagegen tun. Ich entwickle Plan A, Plan B usw. für mögliche Katastrophenfälle. Dabei verschwende ich für die zu 99% unrealistischen „Katastrophen“ eine unheimliche Energie, die mir dann natürlich tagsüber fehlt.

Ich suchte Hilfe bei Tai Chi, Yoga, Autogenem Training usw. Nichts half wirklich. Immer wieder drangen meine „Fälle“ zu meinen Gedanken durch und verseuchten mein Leben.

Ein Wellnessurlaub fand wie folgt statt:

1-3 Tag -  Erschöpfungszustand und dadurch „mir alles egal-Gefühl“

4-6 Tag -  tägliche Anrufe im Büro, damit Kollegen und Mitarbeiter dringende Tätigkeiten, die mir in der Sauna eingefallen waren, erledigten bzw. überprüften.

Mein Verhältnis zu meinem Beruf und zu meinen Aufgaben hat das natürliche und gesunde Maß längst überschritten. Alles wird durch diese Besessenheit, wirklich alles zu 100% richtig machen zu müssen, beherrscht. Früher, als noch die Möglichkeit bestand, Tätigkeiten innerhalb einer angemessenen Zeit durchführen zu können, war diese Einstellung sicher richtig. Heute werden wir von der Geschwindigkeit der Abläufe und Anforderungen überrollt. Pech für den, der immer noch alles zu 100% richtig machen möchte.

 

 

[Fortsetzung folgt: Energien statt Stress]

 

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